Prävention von vorderen Kreuzbandrissen

Einleitung

Jeder, der sich schon einmal verletzt hat kennt den Schmerz, die Ungewissheit über die Schwere der Verletzung, die eingeschränkte Alltagsbewältigung oder die lange Rehabilitation. Im Endeffekt wünscht man sich so etwas nie wiederzubekommen. Deshalb rückt mittlerweile immer mehr die Prävention in den Vordergrund. Besonders im Fokus sind Verletzungen am vorderen Kreuzband, da auch Jahre danach Folgeschäden entstehen können und außerdem die Genesung mehrere Monate dauert. Im Profibereich liegt die Zeit von der OP bis zum Wiedereinstieg in den Wettkampfbetrieb teilweise bei 6 Monaten, kann aber bis zu eineinhalb Jahren dauern. Sportarten mit erhöhtem Risiko sind zum Beispiel Basketball, Fußball oder Handball, da sie von explosiven Sprüngen, Richtungswechseln und hohem Tempo leben. Neben den Spielsportarten sind aber auch viele vordere Kreuzbandrisse bei Skifahrern zu verzeichnen, da der Boden nie gleichmäßig ist und Unebenheiten nicht vorausgeahnt werden können. Die Folge ist das Verkanten der Skier und die Verdrehung der Kniegelenke. Oft ist zu sehen, dass die Knie in eine X-Bein-Position gezogen werden, die maßgeblich an einer Verletzung beteiligt ist. Generell spielen aber noch viel mehr Mechanismen für das Risiko einer Ruptur des vorderen Kreuzbands eine Rolle, weswegen wir uns auf eine Auswahl der wichtigsten Inhalte beschränken. 

Anatomie und Verletzungsmechanismus:

Das vordere Kreuzband (Ligamentum cruciatum anterior) setzt am Oberschenkelknochen an und zieht im Kniegelenk von hinten-oben-außen nach vorne-unten-innen.Anatomie Knie 2

Es verläuft schräg durch das Knie und kreuzt sich mit dem hinteren Kreuzband, wodurch sie auch ihren Namen haben. Zusätzlich ist es mit dem Innenmeniskus verbunden, weshalb eine Verletzung oft gepaart auftritt. Das hintere Kreuzband verläuft genau entgegengesetzt (vorne-oben-innen nach hinten-unten-außen). Die Funktion des vorderen Kreuzbands liegt bei der Sicherung der Verbindung von Knie und Schienbein und verhindert unnatürliche Bewegungen des Schienbeins (Tibiatranslation). Zu diesen zählen eine Innenrotation, ein Abspreizen des Knies und eine Bewegung nach vorne. Eine Kombination aus einer X-Bein Stellung (3 – 8°), kaum gebeugten Knien (10 – 30°) und einer Innenrotation des Unterschenkels (ca. 10°) erzeugen eine enorme Scherkraft und ziehen das Kreuzband in eine riskante Position. Diese Kombination wird auch als „worst case scenario“ oder „point of no return“ bezeichnet. Tritt diese bei stark wirkenden Kräften (Landung, Richtungswechsel, hohem Tempo) kurz nach dem ersten Bodenkontakt auf ist das Risiko am höchsten. Der Zeitpunkt einer Ruptur wird auf 17 – 50 Millisekunden nach Aufsetzen des Fußes geschätzt. 

Auf dem linken Bild ist eine Basketballspielerin zu sehen, die 50 ms nach der Landung flache Kniebeugewinkel, starke X-Beine sowie eine Innenrotation der Füße aufweist und somit ein erhöhtes Risiko hat. Auf der rechten Seite ist die Skifahrerin Veronique Hronek, bei der die Skier verkanten und die Beine in eine starke X-Bein-Position sowie die Füße in eine Innenrotation gezogen werden .

 

 

Risikofaktoren:

Eine Erläuterung aller Faktoren, die ein Riss des vorderen Kreuzbands begünstigen, ist kaum möglich und zum Teil noch sehr widersprüchlich. Generell werden die Risikofaktoren in extrinsische und intrinsische unterschieden. Extrinsische Einflüsse sind die, die von außen auftreten. Dazu zählen zum Beispiel der Bodenbelag, das Schuhwerk oder das Wetter.

Intrinsische Einflüsse beziehen sich auf den Sportler, sprich auf seinen Körper. Sie sind teilweise beeinflussbar und können je nach Anforderungsprofil der Sportart geändert werden. Der Hauptaugenmerk in unserem Artikel ist auf die korrekte Technik, das Kraftverhältnis des Oberschenkels und die Sensomotorik (Balance) gelegt. Weitere Risikofaktoren sind zum Beispiel die generelle Gelenkslaxizität, die anatomische Breite des Beckens, anatomische Strukturen innerhalb des Kniegelenks, die Ermüdung, die Fußstellung oder auch die hormonellen Veränderungen bei Frauen während ihrer Periode. 

Kraftverhältnis:

Auf der Vorderseite des Oberschenkels befindet sich der M. Quadrizeps femoris und auf der Rückseite die ischiocrurale Muskulatur. Der M. Quadrizeps femoris zieht über die Kniescheibe und setzt an der Vorderseite des Schienbeins an. Er ist für die Streckung des Knies, sprich für die Vorführung des Schienbeins verantwortlich. Die ischiocrurale Muskulatur führt eine Beugung im Knie durch und sichert das Gelenk gegen eine Überstreckung. Zusätzlich führen beiden Muskelgruppen eine Rotation und eine Kippung des Unterschenkels in eine X-oder ein O-Bein-Position durch.

Wenn die Balance zwischen der Vorder- und Rückseite stimmt und somit die Kräfte ausgeglichen sind, kann das Kniegelenk in alle Winkelgraden gesichert werden. Dysbalancen, zum Beispiel, wenn der M. Quadrizeps femoris zu stark oder die ischiocrurale Muskulatur zu schwach ist, können negative Auswirkungen auf das Kreuzband haben. Sobald die Oberschenkelvorderseite den Unterschenkel nach vorne zieht und die hintere Muskulatur nicht mehr angemessen sichert wird das Knie überstreckt. Ein Missverhältnis vom äußeren und inneren Teil des M. Quadrizeps femoris sowie eine insuffiziente Hüftmuskulatur bedingt einen starken Zug in die X-Bein-Position. Eine Dysbalance zwischen dem inneren und äußeren Teil der ischiocruralen Muskulatur begünstigt eine Innenrotation des Fußes. 

Sensorik:

In unserem Körper existieren viele Sensoren, die dem Rückenmark und dem Gehirn ständig Rückmeldung über Muskelspannung, Schmerz, Temperatur oder die Lage eines Gelenkes melden. Für Letzteres sind die Propriozeptoren zuständig. Sie senden Feedback, ob sich ein Gelenk in einer neutralen Position befindet oder ob es in eine gefährliche Position gerät. In dem letzten Fall wird vom Rückenmark direkt ein Reflex ausgelöst, der eine Gegenbewegung einleitet. Jeder, der schon einmal umgeknickt ist, weiß, dass der Körper sofort mehrere Ausweichbewegungen auslöst, noch bevor sie selbst gesteuert werden können. Das vordere Kreuzband verleiht dem Kniegelenk gerade dadurch die Stabilität, da es sehr viele dieser Rezeptoren aufweist. Eine bekannte Trainingsmethode dafür sind Übungen auf instabilen Untergründen oder nur auf einem Bein, wodurch mehr Reize gegeben werden und der Körper in Ausweichsituationen besser zu reagieren lernt. Jedoch ist es mit alleinigem Stehen auf einem Bein nicht getan. Weiche Untergründe oder externe Störungen müssen auch bei komplexen sportartspezifischen Bewegungen mit einfließen.

Präventives Training:

Wie bereits erwähnt, spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Es kann nicht gesagt werden, dass eine Trainingsvariante die ausschlaggebende ist. Vielmehr muss eine Kombination geschaffen werden. Als erstes muss die Wahrnehmung und das Erlernen der neutralen Beinposition erlernt werden. Zusätzlich müssen die jeweiligen Dysbalancen ausgeglichen werden, es muss sportartspezifisch, balanceorientiert und schnellkräftig bei hohen Intensitäten und Ermüdung trainiert werden. 

Technik:

Zum Erlernen der richtigen Gelenkspositionen eignet sich am Anfang ein Training mit niedriger Intensität, bei dem der Fokus nur auf die Haltung gelegt wird. Eine gute Möglichkeit ist es ein Miniband um die Knie zu legen und die Knie nach innen und außen zu bewegen. Diese Übung trainiert die Kraft der Hüftmuskulatur und verbessert das Gefühl für die korrekte Beinposition. Das Miniband kann weiterhin mit anderen Übungen (Kniebeuge, Sprünge) kombiniert werden. Wenn die Beinachse sicher stabilisiert werden kann, können die Übungen durch sensomotorische Komponenten, durch komplexere Bewegungen oder explosivere Ausführungen erschwert werden. Da der Zeitpunkt kurz nach der Landung der entscheidende ist, eignet sich bei Sprüngen zum Beispiel eine Videoanalyse, da es für das bloße Auge schlecht zu erkennen ist.

Ausgleich der Dysbalancen:

Wie bereits erwähnt ist ein Risikofaktor das Missverhältnis der Oberschenkelmuskulatur. Der Hauptfokus des Krafttrainings ist das Training der ischiocruralen Muskeln, die sich auf der Rückseite finden. In der Praxis eignen sich dafür Übungen, in denen das Bein gebeugt werden muss. Auf den unteren Bildern auf der linken Seite beugt die ischiocrurale das Bein aktiv. Auf dem Bild rechts daneben befindet sich die Knie in Beugung und der Oberkörper wird nach vorne gebeugt, sodass die Knie in die Streckung gezogen werden. Die ischiocrurale Muskulatur muss in diesem Fall gegen die Schwerkraft die Streckung verhindern. 

 

Balance:

Balance bedeutet den Körper unter einfließenden Kräften im Gleichgewicht zu halten. Im Sport sind die Auswirkungen besonders hoch. Dazu zählen zum Beispiel der Körperkontakt durch andere Sportler, das Führen des Balles oder des Schlägers oder instabile Untergründe. Beim Skifahren zum Beispiel muss der Fahrer permanent auf eine Vielzahl von Reizen reagieren, die oft kaum vorauszusagen sind (Bodenwellen, Sichtstörungen). Um die Balance zu trainieren eignet sich daher das Einbauen von Störungen. Angefangen beim Stehen auf einem Bein mit einem zugeworfenem Ball. Zusätzlich kann der Sportler auf einem Balancekissen stehen. Bei Sprüngen ist es wichtig, dass die Landeposition gehalten und stabilisiert wird. 

Speziell für das Skifahren eignet sich die "Stochastische Resonanz Therapie (SRT)". Bei dem SRT - Gerät stellt sich der Sportler auf zwei Platten, die sich nach vorne, hinten, rechts, links sowie unten und oben bewegen. Anders als bei herkömmlichen Vibrationsplatten sind die Reize randomisiert und die Platten der jeweiligen Beine unabhängig voneinander geschaltet. Durch die Bewegungen in alle Dimensionen, kann das Skifahren optimal nachgestellt werden. Die Dauer der Belastung sowie die Intensität der Schwingungen können verändert und dem Ziel und dem Könnensstand des Sportlers angepasst werden. 

  

Schlusswort: 

Bei den Übungen sind besonders die Feinheiten wichtig, zum Beispiel die Beinachse, die Beckenstabilität oder die generelle Körperhaltung. Auch die Stellung der Sprunggelenke oder die Aufrechterhaltung des Fußgewölbes hat direkten Einfluss auf die Knieposition. Bei Fragen könnt ihr uns gerne einfach anschreiben oder persönlich ansprechen.

(SER)


Quellen:

Bilder:

Anatomie des Kniegelenks (http://www.sportklinik.de/uploads/pics/kreuzband_start_01.jpg)

Kreuzbandriss Veronique Hronek (http://www.sportschau.de/wintersport/ski-alpin/ski-wm/veronique-hronek120_v-gseapremiumxl.jpg)

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